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Davids
Geschichte

David
Alexander kam als drittes Kind am 11.Mai 1998 zu uns.

..noch
so klein..
Er
war ein gesundes, lebhaftes Baby und unsere Tage waren glücklich,
aber anstrengend.
Sein Bruder Oliver war damals knapp 3 Jahre alt und seine Schwester Victoria
gerade mal 13 Monate - wir übten un in der Kunst 3 unter drei.
Unsere Tage hatten stets zuwenig Stunden, doch wir waren zufrieden, denn
wir hatten drei Wunschkinder, keine Sorgen und ein Haus voller Kinderlachen.
Die Wochen vergingen, David gedieh, unser Alltag wurde leichter in dem
Mass, wie wir routinierter wurden, wir feierten Davids Taufe und freuten
uns über jeden Fortschritt unserer drei.
Eines
Morgens im Oktober, als ich ihn aus dem Bett nahm und ihm seine Morgenflasche
gab, fiel mir plötzlich auf, dass er mich nicht mehr richtig ansehen
konnte, irgend etwas war mit seinen Augen los.
Erst dachte ich, er hätte vielleicht eine Augenentzündung oder
etwas ähnliches....
Der Besuch beim Kinderarzt ergab, dass David zuviel Flüssigkeit im
Kopf hatte (Hydrocephalus) und dieser Druck auf die Augen verhinderte,
dass er sie nach oben bewegen konnte. Diese Erscheinung nennt sich Sonnen-Untergangs-Syndrom
und ist ein Zeichen dafür, dass der Hirndruck zu hoch ist.
Wir wurden sofort ins Spital eingewiesen, wo man erst einen Ultraschall
machte, was bei einem Säugling noch möglich ist, solange die
Fontanelle noch nicht geschlossen ist.
Daraufhin wurde uns mitgeteilt, man wolle noch eine Computertomographie
machen...
Ängstlich und nervös verfolgten wir die Vorbereitungen dazu,
irgendwann fiel in einer Ecke das Wort "Kontrastmittel", ein
venöser Zugang wurde gelegt und uns wurde langsam klar, wonach die
Ärzte suchten....
Nach dem CT wurden wir von den Ärzten informiert, dass David einen
Hirntumor habe, der die Flüssigkeitszirkulation blockiert.
Man konnte uns aber nichts genaueres über
die Art und das effektive Ausmass sagen, weil das aus den Bildern nicht
ersichtlich war.
Klar war aber, dass er in den nächsten Tagen operiert werden musste.
Ein
MRI ( Magnetresonanztomographie, Kernspin) wurde am nächsten Tag
gemacht und noch immer konnte man nicht genau sagen, ob der Tumor vom
Stammhirn her oder aufs Stammhirn zu wuchs....
Abends wurde ihm in einer Notoperation ein Shunt (Hirn- Flüssigkeitsdrainage)
eingelegt, weil sein Allgemeinzustand durch den stetig ansteigenden Druck
in seinem Kopf immer schlechter wurde.
Er schlief praktisch nur noch und erbrach sich immer wieder, war apathisch
und empfindlich.
Drei
Tage später wurde er in einer mehrstündigen Operation von diesem
Tumor befreit und kam auf die Intensivstation. Alles stürzte so schnell
auf uns ein, dass wir gar keine Zeit hatten, uns der Tragweite der Ereignisse
bewusst zu werden. Wir hatten nur fürchterliche Angst um unser Kind,
und der Anblick, wie er so reglos dalag mit all den Schläuchen, versetzte
uns in Panik.
Beatmet, sediert und nicht ansprechbar verbrachten wir Stunden an seinem
Bett damit, ihm die Füsse zu streicheln....
Nachdem er das erste Mal von der Beatmung genommen wurde, ging es ihm
so schlecht, dass er sogleich wieder intubiert wurde. Man sagte uns, dass
wohl die Luftröhre durch den Schlauch angeschwollen war und man nun
einige Tage bis zum nächsten Versuch warten müsse.... In unseren
Köpfen ging es rund, da man aufrgund der Sedation nicht beurteilen
konnte, wie gut die OP gelungen war, ob sein Gehirn noch so funktioniert,
wie es sollte....
Die
Untersuchung der Gewebeproben ergab, dass David an einem sehr seltenen
und bösartigen Tumor, einem sog. Pinealoblastom oder Pineoblastom
genannt (Tumor der Zirbeldrüse, WHO Grad IV), erkrankt war.
Er hatte nur die Chance, dass durch eine starke Chemotherapie ein Wiederkehren
des Tumors solange verhindert werden konnte, bis er alt genug für
eine Bestrahlung war... Eine Schädelbestrahlung kann frühestens
mit drei Jahren gemacht werden, da sonst die Folgeschäden irreparabel
sind .
So schwer es uns fiel, so sehr uns diese Therapie ängstigte, konnten
wir ihm doch nicht seine einzige Chance nehmen...
Die
Chemotherapie begann, ein ständiges Auf und Ab von Infektionen, Komplikationen,
Shuntversagen und daraus folgenden Hirnoperationen (innert zwei Monaten
hatte er vier davon), Krisen und mitten in all dem Wirrwarr thronte David
und liess sich durch kein Erbrechen, keine Schmerzen, kein Fieber in seiner
Lebensfreude beirren. Wir waren Dauergäste im Kinderspital, und versuchten
trotzdem, eine Art Familienleben aufrecht zu erhalten, denn da waren ja
noch seine Geschwister, die uns auch brauchten, und die David auch vermissten,
wenn er nicht zu Hause war.
Der immer präsenten Angst versuchten wir dadurch zu begegnen, dass
wir uns Wissen aneigneten.
Begriffe wie CRP, Neutropenie, Antiemetikum, Hirnpunktion, Port-a-cath
usw. wurden zu unserem Alltagsvokabular.
Durch
die starke Chemotherapie schwand Davids Appetit, durch das dauernde Erbrechen
nahm er ab und bei jeder Shunt-Dysfunktion wurde es noch extremer, sodass
man sich im März entschied, David eine Magensonde zu legen.
Für
uns alle war das eine Erleichterung, vor allem, weil wir ihm so die vielen
Medikamente verabreichen konnten, ohne dass er aus Widerwillen gleich
alles wieder erbrach. Der Kampf ums Gewicht war aber ein Dauerkampf, wenn
er nicht abgenommen hatte innerhalb eines Chemoblocks ein Erfolg, eine
Zunahme von 100 Gramm eine Sensation.
Mit einem Jahr wog er 7 Kilo, ein halbes weniger als vor der Erkrankung......
Unser
Leben wurde komplizierter in seiner Struktur und doch einfacher, denn
wir lernten, dass ein guter Tag viele schwierige Tage aufwiegen kann.

...voller Lebensfreude....

Nach einem Jahr Chemotherapie, wieder im Oktober, wurde bei einem Kontroll-MRI
( Magnet-Resonanz-Bilder) ein Rezidiv entdeckt, es waren wieder Tumorzellen
vorhanden....
Die Abklärungen ergaben, dass aus medizinischer Sicht nichts sinnvolles
mehr dagegen getan werden konnte, die Chemo schlug offensichtlich nicht
an, eine erneute Operation war unmöglich, da der Tumor diesmal invasiv
wuchs, eine Bestrahlung undiskutabel -
und etwas anderes gab es nicht.
Wir entschieden uns gegen Medizin um jeden Preis und stellten die Lebensqualität
vor die Lebensquantität.
So wurde die Chemo abgebrochen und wir nahmen David mit dem Wissen nach
Hause, er wird sterben und vielleicht Weihnachten nicht mehr mit uns erleben,
da die Prognosen von noch einigen Wochen sprachen.......
Wir erhielten von den Ärzten jede Unterstützung angeboten, damit
David bei uns zu Hause sein und sterben kann, wir wurden auch seelisch
einfühlsam und verständnisvoll betreut.
Ohne die Oberärztin, die sich unserer annahm, hätten wir uns
das nicht zugetraut.
Wir
waren innerlich wie gelähmt und konnten keinen klaren Gedanken fassen,
wir konnten einfach nicht verstehen, dass dieses Kind, lachend und gurgelnd,
wie es vor uns sass, keine Zukunft in dieser Welt hatte.
Wir informierten unsere Familie über die Tatsachen, um ihnen Gelegenheit
zu geben, Abschied zu nehmen, wir schrieben einen Rundbrief an sie, weil
wir nicht in der Lage waren, diese Tatsachen immer wieder zu erzählen.
Wir stellten uns der schweren Aufgabe, Oliver und Victoria zu erklären,
dass David nicht bei uns bleiben kann. Während der ganzen Zeit von
Davids Erkrankung waren wir immer sehr offen mit ihnen - es blieb uns
auch nichts anderes übrig, denn sie bekamn ja mit, dass es David
oft nicht gut ging, dass ich häufig mit ihm innert einer Stunde wieder
ins Spital musste, vor allem aber konnten wir einfach nicht anders als
ehrlich sein und auch ihnen Gelegenheit geben, bewusst Abschied zu nehmen
von ihrem Bruder und zu verstehen, warum wir oftmals so seltsam waren....
Immer wieder waren wir hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
Weihnachten
kam und David war noch immer bei uns und es geschah ein kleines Wunder
: Auf einmal erholte er sich von den Nebenwirkungen der Chemotherapie,
und begann zu gedeihen ! Sein chronischer Durchfall verschwand, er bekam
Riesenappetit und nahm innerhalb von 6 Wochen von 7 auf 12 Kilo zu. Er
platzte fast vor Lebensfreude und strafte alle medizinischen Befunde Lügen.
In diesen Wochen lernte er, auf dem Hosenboden in der Wohnung herumzurutschen,
ein tolles Gefühl für ein Kind, das sich bisher nicht aus eigener
Kraft von A nach B bewegen konnte.
Sogar die Magensonde, die ih solange begleitet hatte, brauchte er nicht
mehr, weil sein Appetit, wenn auch nur auf Säuglingsmilch und Joghurt,
so zugenommen hatte.
Wir
hatten eine tolle Zeit mit einem David, wie wir ihn noch nie erlebt hatten,
kosteten jede Minute aus, denn trotz allem war uns bewusst, dass diese
Zeit ein Geschenk ist und nicht lange dauern konnte. Kontrollen ergaben,
dass das grosse Wunder ausgeblieben war und der Tumor so gewachsen war,
wie es zu erwarten war.

...im März 00...
Bis Mitte April konnte
David sein Leben unbeschwert geniessen, dann bekam er Gleichgewichtsprobleme,
was uns aber mehr störte als ihn, er legte sich einfach eine stabilere
Rutschtechnik zu.
Doch immer häufiger brauchte er Schmerzzäpfchen, weil es ihm
nicht wohl war.... Doch wir wurden vom Spital betreut und versorgt mit
Medikamenten und Dosierungsanweisungen, sodass unser Alltag dennoch erträglich
war.
Nur die Morphinzäpfchen im Schrank und das Sauerstoffgerät im
Zimmer machten immer wieder klar, in welcher Ausnahnesituation wir steckten.
Gegen
Ende April merkte man ihm schon an, dass es ihm manchmal nicht recht wohl
war in seiner Haut, und an 1. Mai war der Tag gekommen, wo wir ihm das
erste Morphin geben mussten.
Am
nächsten Tag verlangsamte sich seine Atmung immer mehr, er war nicht
mehr richtig wach und wir ahnten, dass nun die Zeit des Abschieds gekommen
ist.
Er wollte nichts mehr trinken, er wurde gar nicht mehr richtig wach.....

....auf dem Weg...
Gegen
Mitternacht zu bekam er Kreislaufprobleme, wir hatten ihn in unserer Mitte
im Wohnzimmer und kurz nach Mitternacht setzte die Atmung aus und kam
nicht wieder.
Ich möchte das hier nicht genauer beschreiben, denn diese Erinnerungen
belasten mich noch immer, weil es eine solche Extremsituation ist, neben
seinem Kind zu sein und es beim Sterben zu begleiten :°°-(
Wir
trugen ihn in sein Zimmer, deckten ihn wie gewohnt zu und es sah aus,
als ob er einfach schliefe, glücklich und zufrieden. Am nächsten
Tag erlebten wir, wie unvoreingenommen Kinder mit dem Tod umgehen können,
als wir seinen Geschwistern sagten, dass David jetzt im Himmel sei, stürmten
sie ihn sein Zimmer, streichelten ihn, sangen für ihn, ganz so, wie
sie es immer taten.
Nur im ersten Moment waren sie erstaunt, wieso David so kalt sei, bis
wir ihnen liebevoll erklärten, dass die Seele den Körper wärmt
und Davids Seele nun im Himmel sei.
Wir erlebten eindringliche, harmonische Stunden, bis gegen Abend der Bestatter
kam, um ihn abzuholen. Wir legten ihn in seinen Sarg, gaben ihm seine
Lieblingssachen mit, sangen ihm ein Gute-Nacht-Lied, doch als der Deckel
auf den Sarg geschraubt wurde, zerriss es uns fast das Herz, Victoria
schrie und gab keine Ruhe, bis noch einmal geöffnet wurde und sie
ihm noch ein letztes Küsslein geben konnte.
Als dann Oliver und Victoria im Bett waren, empfanden wir hier im Haus
eine lähmende Stille.....
David
wurde an einem schönen Maitag beerdigt und die Sonne strahlte in
unsere Herzen hinein und brachte uns Davids Wärme und Liebe, die
uns immer begleiten werden.
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