Davids letzte Stunden

Am 2. Mai 2000 machte sich David auf die Reise.

Am Vorabend hatte er sein erstes Morphin-Zäpfchen bekommen, welches ich ihm mit zittrigen Händen verabreicht habe, wissend, dass wir uns auf einem Weg ohne Rückkehr befinden.

Während des ganzen Tages war er immer bei uns, ich kann mich noch genau erinnern, wie ich mit David im Arm gegessen habe, wie ich mit David im Arm gesessen bin, bis es zu kühl wurde draussen, denn es war ein wunderbar warmer, sonniger Tag gewesen.

Sein Kreislauf wurde gegen den Abend immer langsamer, die Atemfrequenz nahm konstant ab.
Waren es gegen vier Uhr nachmittags noch an die 16 Atemzüge pro Minute, so waren es um acht uhr abends noch acht, dann noch sechs .....

Wir überlegten noch einmal wieder den Einsatz des Sauerstoffs, verwarfen den Gedanken aber wieder, denn ihm mangelte es nicht am Sauerstoff, sondern am Reflex zum Einatmen.
Den konnten wir ihm nicht wiedergeben und nichts auf der Welt hätte uns dazu gebracht, mit ihm ins Spital zu fahren und ihn beatmen zu lassen, wir wollten sein Leiden nicht verlängern und uns erschien die Situation auch nicht so, dass er leiden musste und wir konnten es aushalten.

Er war im Wohnzimmer, gebettet auf Decken und Kissen, zwischen uns. Wir waren einfach bei ihm und wussten nicht, was in den nächsten Stunden geschehen würde.

Wir hielten seine Hände, die immer kühler wurden und auch schon einen bläulichen Schimmer hatten.
Wir streichelten sein Gesicht, das aussah, wie immer, wenn er schlief. Reaktionen auf unser Streicheln bekamen wir schon seit einigen Stunden nicht mehr, wo wir vorher noch einen Gegendruck gemerkt hatte, war nur noch die totale Entspanntheit.

Dann plötzlich, ich war schnell aufgestanden und hatte mich an den Tisch gesetzt - warum weiss ich nicht mehr - es war 22.10 h, sagte mein Mann : "Jetzt ist er gestorben" - Atmung und Puls waren weg...........

Wir sahen ihn an, sahen uns an und die Tränen stiegen warm den Hals hinauf, ein grosses Weinen bahnte sich den Weg hinaus, die Traurigkeit wollte uns übermannen und wir wollten uns dahinein fallen lassen, traurig, dass unser Kind gestorben ist.
Die ersten Tränen rannen - und dann, auf einmal - hörten wir ein Husten und David begann wieder zu atmen, sein Herz schlug wieder.
Das war der allerschlimmste Schock...wir dachten, er ist tot und dann kam er auf einmal zurück....
Wir wollten ihn betrauern, dabei war er noch gar nicht tot.
Wie konnten wir nur......

Wir sassen wieder zu ihm, unfähig das Geschehene zu erfassen - und es wiederholte sich immer und immer und immer wieder.
Lange kam kein Atemzug, dann verlangsamte sich der Herzschlag ( ich hatte meine Hand auf seinem Körper und spürte es ganz genau) und dann setzte es aus.....und nach einer uns endlos erscheinenenden Zeit ( eine Minute oder zwei?) wieder einzusetzen, nach einem tiefen, hustenden Atemzug.
Zwei endlos lang erscheinende Stunden immer wieder dasselbe. So irreal und kaum zu fassen, doch nach dem dritten oder vierten Mal erschien es uns als normal, so schrecklich es war. Wir hatten keine Vorstellung, wie lange es so gehen würde, noch was weiter kommen würde, jeglicher Zeitbegriff kam uns abhanden.
Irgenwann nickte ich in der schrecklichen Situation sogar ein vor Müdigkeit, neben meinem sterbenden Kind.
Schrecklich und doch damals ganz real und normal.

Als dann nach Mitternacht um 00.10h die Atmung und der Puls wieder aussetzte und diesmal nicht wieder kam, hatten wir uns in dieses seltsame, schreckliche, verwirrende Szenario schon so eingelebt, dass es uns nur noch irreal und unwirklich vorkam.

Wir konnten nicht weinen, wir konnten nicht schreien, wir waren nur gefasst.

All die folgenden Tage waren wir zwar schon etwas traurig, aber gefasst, haben alle anderen getröstet, haben uns immer und immer wieder daran festgehalten, dass es ihm nun gut geht - um uns ja nicht der Brutalität dessen stellen zu müssen, was da nachts um zehn passiert ist.

Im Nachhinein haben wir eine medizinische Erklärung dafür bekommen und so das Ganze quasi "abgelegt", vielmehr verdrängt.

Wenn wir heute zurückblicken, dann realisieren wir, dass wir seit diesem Moment nie mehr richtig weinen konnten darüber, was uns widerfahren ist - wohl aus Angst, dass dann wieder so etwas absolut Traumatisches und Schockhaftes passiert.
Durch vereinzelte Gespräche genau über dieses Ereignis ist uns bewusst geworden, wie sehr es uns beide, meinen Mann und mich geprägt und verändert hat und uns noch immer tief in den Knochen sitzt.

Nun wissen wir es. Doch die panische Angst ist deswegen nicht weg.Und wir werden da wohl auch nur mit fachlicher Hilfe wieder rauskommen.
Denn, eigentlich drückt es, weinen wäre so eine Erlösung - nicht dieses oberflächliche Weinen, sondern dieses tiefe, allumfassende Schluchzen und Schreien.

Wir hoffen, es wird uns irgendwann vergönnt sein, endlich weinen zu können um unseren Sonnenschein David, der uns doch noch immer so fehlt.

David, wir lieben Dich und auch wenn wir noch nie so "richtig" um Dich geweint haben - Du fehlst uns so sehr.

Jacqueline und Daniel

Nachtrag :
Zwischenzeitlich haben wir diese Stunden aufgearbeitet, auch mit therapeutischer Hilfe.
Doch das tiefe, allumfassende Weinen, das kommt nur selten.
Irgendwie ist es dafür "zu spät"....

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