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Jonathans
Ei
Jonathan Förster
war körperlich und geistig leicht behindert zur Welt gekommen.
Als er zwölf Jahre alt war, ging er mit viel jüngeren Kindern
zusammen in eine Klasse. Es hatte den Anschein, dass er einfach nicht
lernen konnte. Oft brachte er seine Lehrerin Doris Müller schier
zur Verzweiflung, wenn er sich auf seinem Stuhl hin und her wand, vor
sich hinstierte und dabei grunzende Geräusche von sich gab........
Es gab allerdings auch Augenblicke, in denen Jonathan klar und deutlich
sprach - gerade so, als sei ein Lichtstrahl in die Dunkelheit seines Gehirns
gedrungen.
Die meiste Zeit jedoch empfand es Doris als ausgesprochen unbefriedigend,
Jonathan zu unterrichten. Eines Tages rief sie seine Eltern an und bat
sie zu einem Gespräch in die Schule.
Als das Ehepaar schliesslich
in dem leeren Klassenraum schweigend vor ihr sass, eröffnete Doris
ihnen: "Jonathan gehört eigentlich in eine Sonderschule. Es
ist nicht fair ihm gegenüber, dass er immer mit viel jüngeren
Kindern zusammen sein muss, die zudem keine Lernprobleme haben. Schliesslich
ist er drei Jahre älter als seine Mitschüler!"
Frau Förster weinte leise in ihr Taschentuch, während ihr Mann
das Wort ergriff.
"Frau Müller", sagte er zögernd, "es gibt hier
in der Nähe keine derartige Schule. Für Jonathan wäre es
ein furchtbarer Schock, wenn wir ihn aus seiner gewohnten Umgebung herausnehmen
müssten. Ich weiss, dass es ihm hier in dieser Schule sehr gut gefällt."
Nachdem beide gegangen waren, sass Doris noch lange auf ihrem Platz am
Fenster und starrte hinaus auf den neugefallenen Schnee. Seine Kälte
schien langsam in ihr Herz hineinzukriechen. Einerseits empfand sie Mitleid
mit den Försters. Schliesslich hatten sie nur dieses eine Kind, und
das war unheilbar krank.
Aber andererseits war es einfach nicht zu verantworten, Jonathan in dieser
Klasse zu lassen. Ausser ihm hatte sie ja noch 14 andere Kinder zu unterrichten,
für die seine Anwesenheit nur eine ständige Ablenkung bedeutete.
Ausserdem - er würde sowieso nie lesen und schreiben lernen. Warum
also sollte sie sich noch länger abmühen und ihre Zeit an ihn
verschwenden? Während Doris so über die ganze Situation nachdachte,
wurde sie plötzlich von einem starken Schuldgefühl überfallen.
"O Gott", sagte sie halblaut, "ich sitze hier und klage,
während meine Probleme doch gar nichts sind im Vergleich zu denen
dieser armen Familie! Bitte hilf mir, mehr Geduld mit Jonathan zu haben!"
Von nun an gab sie sich
alle Mühe, Jonathans Geräusche und seine stierende Blicke einfach
zu ignorieren. Eines Tages humpelte er plötzlich auf ihr Pult zu,
wobei er sein lahmes Bein hinter sich her zog. "Ich liebe Sie, Frau
Müller!" rief er - laut genug, dass die ganze Klasse es hören
konnte. Die Kinder kicherten, und Doris bekam einen roten Kopf. "A-also",
stammelte sie, "das ist ja sehr schön, Jonathan. A-aber setz
dich jetzt bitte wieder auf deinen Platz!"
Der Frühling kam,
und die Kinder unterhielten sich angeregt über das bevorstehende
Osterfest. Doris erzählte ihnen die Geschichte von der Auferstehung
Jesu, und um den Gedanken des hervorkeimenden neuen Lebens zu unterstreichen,
gab sie abschliessend jedem Kind ein grosses Plastikei. "Hört
zu", sagte sie, "ich möchte, dass ihr das Ei mit nach Hause
nehmt und es morgen wieder mitbringt - mit etwas darin, was neues Leben
zeigt. Habt ihr mich verstanden?" "Na klar, Frau Müller!"
riefen die Kinder begeistert - alle ausser Jonathan. Er hörte aufmerksam
zu, seine Augen unverwandt auf ihr Gesicht geheftet. Nicht einmal seine
gewohnten Grunzlaute waren zu hören. Ob er wohl begriffen hatte,
was sie über den Tod und die Auferstehung Jesu gesagt hatte? Und
verstand er, welche Aufgabe sie den Kindern gestellt hatte? Vielleicht
sollte sie lieber seine Eltern anrufen und es ihnen erklären.
Als Doris am späten Nachmittag nach Hause kam, stellte sie fest,
dass der Abfluss in ihrer Küche verstopft war. Sie rief den Hausbesitzer
an und wartete dann eine volle Stunde, bis er endlich kam und die Sache
in Ordnung brachte. Anschliessend musste sie noch einkaufen, bügeln
und einen Vokabeltest für den nächsten Tag vorbereiten. So kam
es, dass sie den Anruf bei Jonathans Eltern völlig vergass.........
Am folgenden Morgen stürmten ihre 15 Kinder aufgeregt in den Klassenraum,
um den grossen Weidenkorb auf dem Tisch ihrer Lehrerin mit den mitgebrachten
Plastikeiern zu füllen.
Aber erst nach der Mathematikstunde
durften die Eier geöffnet werden. Im ersten Ei befand sich eine Blume.
"O ja", sagte Doris, "eine Blume ist wirklich ein Zeichen
des neuen Lebens. Wenn die ersten grünen Spitzen aus der Erde ragen,
wissen wir, dass es Frühling wird." Ein kleines Mädchen
in der ersten Reihe winkte heftig mit der Hand.
"Das ist
mein Ei, Frau Müller, das ist meins!" rief sie dabei laut.
Das nächste Ei enthielt einen Plastik-Schmetterling, der richtig
lebensecht aussah. Doris hielt ihn in die Höhe. "Wir wissen
alle, dass aus einer hässlichen Raupe ein wunderschöner Schmetterling
wird. Ja, auch das ist ein Zeichen für neues Leben!" Die kleine
Judith lächelte stolz und sagte: "Das ist von mir, Frau Müller."
Als nächstes fand Doris einen Stein, mit Moos bewachsen. Die erklärte
der Klasse, dass Moos
ebenfalls ein Beweis für Leben sei. Willi aus der letzten Reihe meldete
sich zu Wort. "Mein Papa hat mir beim Suchen geholfen!" verkündete
er strahlend.
Doris öffnete nun das vierte Ei - es war merkwürdig leicht -
und hole tief Luft: Das Ei war leer! "Das ist bestimmt Jonathans",
dacht sie. "Natürlich hat er nicht verstanden, was er damit
machen sollte. Hätte ich doch bloss nicht vergessen, seine Eltern
anzurufen!"
Und weil sie ihn nicht in Verlegenheit bringen wollte, legte sie dieses
Ei, ohne ein Wort zu sagen, beiseite und griff nach dem nächsten.
Da meldete sich plötzlich
Jonathan. "Frau Müller", sagte er, "wollen Sie denn
nicht über mein Ei sprechen?" Verwirrt gab Doris zurück:
"Aber Jonathan - dein Ei ist leer!" Er sah ihr offen in die
Augen und meinte leise: "Ja, aber das Grab Jesu war doch auch leer!"
Eine ganze Weile sprach niemand ein Wort. Als die Lehrerin sich endlich
wieder gefangen hatte, fragte sie: "Jonathan, weisst du denn, warum
das Grab leer war?" - "O ja", gab er zur Antwort, "Jesus
wurde getötet und ins Grab gelegt. Aber dann hat ihn sein Vater wieder
lebendig gemacht!"
Die Pausenglocke schrillte.
Während die Kinder aufgeregt nach draussen auf den Schulhof stürmten,
sass Doris wie betäubt da und hatte Tränen in den Augen. Das
Eis, das sich noch in ihrem Herzen befand, begann zu schmelzen. Dieser
zurückgebliebene, rätselhafte Junge hatte die Wahrheit der Auferstehung
besser verstanden als alle anderen Kinder.
Drei Monate später
war Jonathan tot. Die Leute, die in die Friedhofskapelle kamen, um von
dem Entschlafenen Abschied zu nehmen, wunderten sich nicht wenig: Oben
auf dem Sarg waren 15 leere Eierschalen zu sehen.
Ida Kempel
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